Dr. Hugo Sperber
Franz Elbogen, Egon Dietrichstein und Hugo Sperber (v.l.n.r), Wien 1912;

Better call Sperber

5 Min. Lesezeit

Nun wundern Sie sich über diesen, zugegeben etwas eigenwilligen Titel. Doch lassen Sie uns dies in einer kurzen Einleitung erläutern. Eventuell ist Ihnen die Serie “Better call Saul” geläufig oder Sie kennen zumindest den Charakter Jimmy McGill alias Saul Goodman, der in dieser Serie und auch in der Serie “Breaking Bad” einen Anwalt verkörpert. Die sechste und damit letzte Staffel von “Better call Saul” sollte heuer abgedreht werden, leider kam eine weltweite Gesundheitskrise dazwischen und nun ist noch unklar, wann die neue Staffel an den Start geht. Diese Information nur nebenbei, eigentlich geht es um den Charakter Saul Goodman oder vielmehr um seine gewitzte und schlagfertige Art wie er seine Mandanten vor Gericht aus dem Gröbsten boxt. 

Der Wiener Goodman

Bekanntlich arbeitet Saul Goodman als Verteidiger für Strafsachen für zwielichtige Personen vom Kleinganoven bis hin zum Drogenkartell. Mit seinem Scharfsinn, seiner Beweisführung und seiner Pointierungskunst stellt Goodman die Staatsanwaltschaft immer wieder bloß. Hier fanden wir sogleich Parallelen zu einem sehr berühmten und bekannten Wiener Jurist, nämlich Dr. Hugo Sperber. Hugo Sperber wurde am 26. November 1885 in Wien geboren und zählte später, neben einigen anderen, als Original unter den Wiener Advokaten. Durch seine rhetorische Brillanz seiner Plädoyers und seine Kenntnisse der Gesetze und Gesetzeslücken, besaß Sperber noch eine gehörige Portion an Witz. Seine Pointierungskunst und sein Timing befähigten ihn dazu, genau im richtigen Moment das richtige zu sagen. 

Der aus einer jüdischen Unternehmerfamilie abstammende Hugo Sperber war leidenschaftlicher Kartenspieler und daher auch Stammgast in so manchem Wiener Kaffeehaus. Seine Partien spielte er am liebsten mit Dr. Franz Ellbogen. Er hatte zudem eine Abneigung gegen weibliches Dienstpersonal und auch der Konsumzwang beim Kartenspielen waren ihm lästig. Mit Witz und Charme hielt er so manche Person zum Narren. Laut Heinrich Torberg war es Hugo Sperbers Traum, eine Werbetafel mit dem standeswidrigen Text “Räuber, Mörder, Kindsverderber gehen nur zu Doktor Sperber” zu plakatieren. 

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Sein advokatorischer Ruhm

Einer seiner wohl populärsten Aussprüche tat er bei der Verhandlung gegen einen von Sperber ex offo verteidigten Einbrecher. Der Mann beging insgesamt zwei Einbruchsdiebstähle, einen bei Tag und einen bei Nacht. Die Staatsanwaltschaft lege diesem Einbrecher erschwerend zu Last, dass im ersten Fall es eine besondere Frechheit war, sein verbrecherisches Handwerk sogar bei Tage zu verüben. Im zweiten Fall eine besondere Tücke, sich die Dunkelheit der Nacht zunutze gemacht zu haben. Danach erschallte ein Zwischenruf Sperbers im Gerichtssaal: “Herr Staatsanwalt, wann soll mein Klient eigentlich einbrechen?” Kurz darauf war der Gerichtssaal mit schallendem Gelächter gefüllt. 

Eine weitere Anekdote gibt es im Fall eines geistig minderbemittelten Hirtenknaben, der der Sodomie mit einer Kuh angeklagt wurde. Der Staatsanwalt hielt damals ein flammendes Plädoyer als wäre der junge Knabe ein Schwerstverbrecher und forderte die strengste Strafe für dieses Vergehen. Hugo Sperber begann danach seine Verteidigungsrede mit den ruhigen Worten: “Die Worte des öffentlichen Anklägers haben mich tief beeindruckt. Ich kann ihnen nicht widersprechen.” Danach folgte mit wuchtigem Pathos:” Ja, ich möchte sogar die Frage hinzufügen: war die Kuh schon vierzehn Jahre alt?” Der Hirte wurde daraufhin nur zu einer bedingten Freiheitsstrafe verurteilt.

Wiener Bassena Prozesse

Die sogenannten “Bassena Prozesse” waren damals bei Kennern eine beliebte Unterhaltung und wurden meist am Bezirksgericht Josefstadt prozessiert. Als Bassena bezeichnet man in Wien ein Wasserleitungsbecken, welches in den alten Wiener Wohnhäusern auf dem Gang eines jeden Stockwerkes installiert war und bei dem sich die Bewohner ihr Wasser für den Hausgebrauch holten. Als Bassena Prozess bezeichnet man die Ehrenbeleidigungsklagen, die aus Zusammenstößen und Beschimpfungen rund um die Bassena entstanden. Auch Dr. Sperber hatte wöchentlich solche Gerichtstermine und der Gerichtssaal war aufgrund des Unterhaltungswertes dieser kuriosen Fälle zum Bersten voll.

Im Mai 1938 wurde Dr.Hugo Sperber bei einer Polizeiaktion durch die Nazis verhaftet und in das KZ Dachau verschleppt. Im Oktober 1938 erfolgte seine Ermordung. Sperber selbst bezeichnete die Situation in Dachau mit den Worten: “Tiere bewachen Menschen“.

Quellennachweise: amc.com/shows/better-call-saul; Die Tante Jolesch von Friedrich Torberg, Verlag CW Niemeyer, [ISBN:3-8271-1966-9];  austria-forum.org
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Andrew Grimes wurde in den siebziger Jahren in der Bundeshauptstadt Wien geboren. Schon in seiner Jugendzeit lauschte er gerne alten Musikstücken, interessierte sich für geschichtliche Ereignisse und erfreute sich am historischen automobilen Rennsport. Etwa 2015 begann sich seine Leidenschaft auch auf seine Lebensweise auszuwirken. Langsam änderten sich Interessen sowie Kleidungsstil, auch besuchte Andrew Grimes immer häufiger einschlägige Veranstaltungen der sogenannten Vintage-Szene.

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