Peaky Blinders
Peaky Blinders; v.l.n.r.: Henry Fowler, Ernest Bayles, Stephen McHickie und Thomas Gilbert; Photo: West Midlands Police Museum

Die wahre Geschichte der Peaky Blinders

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13 Min. Lesezeit

The fucking Peaky Blinders (Die verfluchten Peaky Blinders), wie sie sich selbst gerne nennen, spielen in der gleichnamigen Serie “Peaky Blinders – Gangs of Birmingham” eine Straßenbande im Birmingham der 1920er-Jahre. Gründer und Anführer dieser Bande ist die Familie Shelby, allen voran Thomas “Tommy” Shelby als Kopf der Familie, gemeinsam mit seinen Brüdern Arthur und John, sowie ihrer Tante Elizabeth “Polly” Gray (geborene Shelby). 

Skrupellos, brutal, rauh und unnachahmlich britisch beleuchtet diese Serie das Leben dieser organisierten Bande, die freilich im Laufe der Geschichte mit vielen anderen Banden und sogar der amerikanischen Mafia zu kämpfen hat. Sehr authentisch, bildgewaltig und überaus spannend hat Direktor und Autor Steven Knight diese Serie umgesetzt. 

Doch was ist wahr an dieser Geschichte und basiert die Handlung auf wahren Begebenheiten? Dieser Sache sind wir auf den Grund gegangen und die wahre Geschichte der Peaky Blinders und allen anderen Charakteren wollen wir Ihnen nicht vorenthalten. Wir müssen nun freundlich darauf hinweisen, dass die nachfolgende historische Aufarbeitung ebenso Einblicke in die Serie gibt. Heute würde man das wohl “Spoiler” nennen. 

The Peaky Blinders

Die “Peaky Blinders” existierten in der Realität und machten die Straßen Birminghams unsicher. Allerdings war dies um das Jahr 1890 der Fall, in der Serie besteht also eine Zeitverschiebung der Ereignisse. Und auch die berühmt berüchtigten Rasierklingen, die im Kappenrand eingenäht waren, entsprechen wohl nicht der Realität. Zu jener Zeit waren derartige Rasierklingen Mangelware und zudem unverschämt teuer. Die echten “Peaky Blinders” waren vielmehr eine Jugendbande, während die Charaktere in der Serie bereits alles erwachsene  Personen sind. Man kann die echte Bande auch eher bei den Kleinganoven einordnen, denn sie begingen eher kleinere Verbrechen und ihre Macht reichte nie über die Grenzen Birminghams hinaus. 

Peaky Blinders
Mitglieder der echten Peaky Blinders; Photo: West Midlands Police Museum

Wie man sieht floß in die Serie sehr viel fiktives Gedankengut ein, dass sich ein wenig mit der Wahrheit vermischt. Auch gibt es keine Belege dafür, dass die Peaky Blinders von der Roma-Sippe abstammen, und auch die Familie Shelby ist eine Erfindung des Autors. Billy Kimber, Alfie Solomon und Charles “Darby” Sabini haben hingegen wirklich existiert. Die Charaktere in der Serie haben jedoch nichts mit den echten Personen gemeinsam, außer dass diese drei Herrschaften im Handlungszeitraum der Serie, also den 1920er-Jahren, gelebt haben.

Historische Ungereimtheiten

Verfolgt man die Serie aufmerksam, so fallen auch einige historische Ungereimtheiten auf. Winston Churchill war bis 1910 Innenminister und nicht wie in der Serie erst nach dem Ersten Weltkrieg. Ebenso werden in Staffel Vier “Santa Claus” und “Rudolph das Rentier” erwähnt. Recherchen zufolge erblickte “Rudolph” erst Mitte der 1930er-Jahre das Licht der Welt und den Weihnachtsmann nannte man im damaligen Vereinigten Königreich “Father Christmas”.

Man nahm sich also den Namen und den Ort der “Peaky Blinders” und versetzte die Handlung in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Zugegeben, dies ist den Machern dieser einzigartigen Serie sehr gut gelungen. Hier stimmt die Historie – Nachkriegszeit, Aufstieg der IRA, Gewerkschaftsstreiks und die Furcht vor dem Kommunismus recht gut überein. In späteren Folgen wird auch der Aufstieg des Faschismus behandelt der uns ja bekanntlich in die nächste schreckliche Ära unserer Geschichte führte. 

Parallelen zu den Billy Boys

Zeitungsbericht „Weekly News“, 1932

Aber die “Peaky Blinders” weisen auch Parallelen zu den damals aktiven “Billy Boys” auf. Die gefürchtete schottische Rasiermesserbande trieb in den 1920er und 1930er-Jahren in Glasgow ihr Unwesen. Anführer war ein gewisser Billy Fullerton, der mit seiner protestantischen Gruppe für Angst und Schrecken sorgte. Auch in der Serie spielen die “Billy Boys” mit ihren Gesängen und Liedern und paradeartigem Marschieren eine wichtige Rolle. 

Das in der Serie oft gesungene Lied “The Billy Boys” mit seinem Katholiken gegenüber beleidigenden Text wurde immer gerne bei Märschen gesungen. Später übernahm dieses Lied der Fußballverein “The Rangers”. So fand dieses Lied den Weg zum Sport, wurde aber im Jahre 2011 von der schottischen Regierung verboten und durfte von nun an auf Fußballplätzen nicht mehr gesungen werden.

William “Billy” Kimber

Auch Billy Kimber existierte wahrhaftig und galt zur damaligen Zeit als vermutlich größter Boss des organisierten Verbrechens in England. Nachdem im Jahre 1845 das Glücksspiel fast gänzlich untersagt wurde, blieb nur mehr das Wetten bei Pferderennen. Daraufhin wurden unzählige Rennbahnen eröffnet und Billy Kimber nistete sich mit seinen “Birmingham Boys” dementsprechend ein. Seine Buchmacher regierten das Wettgeschäft in den Midlands und im Norden. Später gründete er Zweigstellen in London und Islington und tat sich mit anderen Banden zusammen, um sein Geschäft noch weiter voranzutreiben. William “Billy” Kimber starb im Jahre 1942 nach langer Krankheit in Torquay.

Charles “Darby” Sabini – König der Rennbahnen

Charles Darby Sabini; Photo: unbekannt

Ottavio Handley wurde 1888 in London geboren, in einer Gegend, die man damals “Londons kleines Italien” nannte. Ottavia war ein uneheliches Kind italienischer Einwanderer und wurde schon in frühen Kinderjahren Charles oder Fred gerufen. Nach der Schule schlug er eine Boxkarriere ein und war ein vielversprechender Kämpfer. Aufgrund seiner Faulheit immer weiter zu trainieren endete er irgendwann als Türsteher. 

In den 1920er-Jahren etablierte sich Sabini bei Wirtshausschlägereien und galt in der Gegend als harter Mann. Er schlug echte Vollstrecker, groß wie Kästen, zu Boden, wenn diese Bardamen oder andere Gäste beleidigten. Diese Vorfälle führten dazu, dass Charles Sabini als Beschützer für Italiener und Frauen in London bekannt wurde.

Neben seinem Geburtsnamen nannte er sich später weitgehendst Charles “Darby” Sabini oder einfach nur Darby Sabini. Im Übrigen benutzte er im Laufe seiner Karriere sehr viele Pseudonyme, wie beispielsweise Frank Handley, Billy Hill und Jack Spot. Als späterer Anführer der Sabinis galt er überdies als “König der Rennbahnen”. Er regierte eine Zeit lang das Wettgeschäft im Süden und die Sabinis gingen zudem auch anderen kriminellen Aktivitäten nach – Erpressung, Diebstahl sowie dem Betrieb mehrerer Nachtclubs. 

Sabinis Buchmacher wurde stets von Schlägertrupps bewacht, was sich später als profitabel erwies. Auch schien es Eindruck bei den “Billy Boys” und “Birmingham Boys” zu schinden. Der Sabini-Familie soll es auch gelungen sein, Billy Kimber und andere Bandenchefs zu besiegen. Sabini wurde im Jahre 1940 festgenommen und ein jahr später wieder freigelassen. 1943 erfolgte ein neuerlicher Schuldspruch. Er verstarb im Jahre 1950 in seinem Haus in Hove. 

Alfie Solomon

Vor dem Ersten Weltkrieg etablierte sich eine Gruppe namens “Bessarabian Tigers” und kontrollierte Londons Osten. In der Zwischenkriegszeit traten dann die “The Yiddishers” hervor, deren Anführer Alfie Solomon war. Diese jüdische Bande soll in Kooperation mit den Sabinis die Rennstrecken und das ganze Land terrorisiert haben. Erzählungen zufolge soll es bei einem Derby zu einer furchtbaren Schlacht zwischen der Streitmacht Solomons und anderen Banden gekommen sein. Die “Schlacht von Bath” ging in die Geschichte ein und heute noch zeugen die Gerichtsakten davon. 

Die beiden Brüder Alfie und Harry Solomon wurden dadurch berühmt und gefürchtet zugleich. Harry Solomon wurde nach dem Gerichtsverfahren verhaftet, weil er Polizisten mit einer Waffe bedroht hatte. Leider gab es über diese Banden damals wenig Presseberichte, sodass über Alfie Solomon bis heute nur recht wenig bekannt ist. Es gibt zudem auch nur ein einziges Photo von Alfie Solomon. 

Luca Changretta

Die Charaktere Luca Changrettas und seiner ganzen Familie sind fiktive Charakter. In der Realität konnten keinerlei Aufzeichnungen über eine Mafia-Familie namens Changretta gefunden werden. 

Sir Oswald Mosley

Sir Oswald Ernald Mosley war ein britischer Politiker, der als Gründer der faschistischen Partei “British Union of Fascists” (BUF) bekannt wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg schlug Mosley sofort eine Karriere als Politiker ein und wollte für die konservative Partei ins Parlament einziehen. Der damals erst 21-jährige verschaffte sich als guter Redner immer mehr Gehör und wurde bald darauf der jüngste Abgeordnete im Parlament. 

Nachdem er sich später mit seiner Partei zerstritt, schloß er sich der Labour-Party an. 

Sir Oswald Mosley; Photo: Bildarchiv Austria

Er versuchte den politischen Aufstieg und arbeitete eng mit James Ramsay MacDonald zusammen. 1929 wurde er zum “Chancellor of the Duchy of Lancaster” gewählt, obwohl er sich weit höhere Ämter erhofft hatte. Unzufrieden mit seinem Amt und der Unfähigkeit der Labour-Party, gründete er 1931 seine neue Partei, die “New Party”. Nach und nach übernahm seine Partei die faschistischen Inhalte aus Europa, gewann aber bei den Wahlen 1931 keinen einzigen Sitz im Parlament.

Nach diesem Mißerfolg ging Oswald Mosley auf Reisen, um die neuen politischen Bewegungen von Benito Mussolini und anderen europäischen Faschisten zu studieren. Überzeugt kehrte er zurück und nahm sich fest vor, diese faschistischen Bewegungen auch nach Großbritannien zu bringen. 1932 gründete er die antikommunistische und protektionistische Partei British Union of Fascists” (BUF).

Nach dem Vorbild der deutschen SS entwickelten  Mosley eine schwarze Parteiuniform, durch welche deren Träger später als “Blackshirts” bekannt wurden. Die “Blackshirts” waren oftmals in gewalttätige Konflikte verwickelt, vor allem aber mit kommunistischen und jüdischen Gruppen. Bei einer Großveranstaltung am 7. Juni 1934 im Londoner Olympia kam es zu einer Massenschlägerei, als “Blackshirts” unliebsame Gäste aus dem Saal entfernen wollten. Diese Vorkommnisse und die innerparteiliche Säuberungsaktion Adolf Hitlers in Deutschland, der sogenannte Röhm-Putsch, führten 1934 dazu, dass die BUF einen Großteil ihrer Unterstützer verloren hatte. Oswald Mosley zog sich 1936 zurück, nachdem er bei einer rassistisch motivierten Schlägerei von einer Überzahl an Gegnern zum Rückzug gezwungen wurde. 

Historisch nicht ganz einwandfrei

Zusammengefasst ist “Peaky Blinders – Gangs of Birmingham” eine atemberaubende Serie, die jedoch nicht immer historisch einwandfrei ist. Dennoch haben die Macher die geschichtlichen Ereignisse und die Fiktion gut ineinander verstrickt und dem gewöhnlichen Zuschauer fällt dies nicht sonderlich auf. Auch schadet es dieser Serie in keiner Weise. 

Quellennachweise: Peaky Blinders - Gangs of Birmingham, Staffel 1-5 (Netflix); Real Peaky Blinders von Carl Chinn, [ISBN-13:978-1858585307]; bustle.com; britannica.com; peaky-blinders.fandom.com
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Andrew Grimes wurde in den siebziger Jahren in der Bundeshauptstadt Wien geboren. Schon in seiner Jugendzeit lauschte er gerne alten Musikstücken, interessierte sich für geschichtliche Ereignisse und erfreute sich am historischen automobilen Rennsport. Etwa 2015 begann sich seine Leidenschaft auch auf seine Lebensweise auszuwirken. Langsam änderten sich Interessen sowie Kleidungsstil, auch besuchte Andrew Grimes immer häufiger einschlägige Veranstaltungen der sogenannten Vintage-Szene.

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