Männer plaudern
Foto: Bildarchiv Austria

Wienerisch – ein bewahrenswertes Kulturgut

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9 Min. Lesezeit

Seit Anfang des 21. Jahrhunderts ist ein Abbau des Dialektsprechens in Österreich zu beobachten. Gerade die jüngeren Generationen werden von in Deutschland synchronisierten Filmen und deutschen Fernsehserien, die weit verbreitete Kommunikation über das Internet und das Eindringen von Anglizismen sehr beeinflußt. Hinzu kommt noch der Einfluß der Eltern, die den Kindern oft keinen Dialekt mehr beibringen, denn dieser soll stigmatisieren und auf einen geringen Bildungsgrad hinweisen. Es ist jedoch völlig falsch, die Mundart zu verunglimpfen, denn Mundarten sind weitaus älter als die Schriftsprache, die eben erst aus dem Dialekt entstanden ist.

Die Schriftsprache oder Hochsprache dient der schriftlichen und offiziellen Kommunikation. Eine gesprochene Schriftsprache gibt es nicht! Niemand spricht Schriftsprache, denn sie wird geschrieben. Wenn jemand nach der Schrift spricht, dann meint man damit, dass jemand die Hochsprache spricht und nicht Dialekt. Nach der Schrift direkt kann man nicht sprechen, denn das würde sehr steif und künstlich klingen.

Jugendliche haben keine Dialektkompetenz mehr

Jugendliche unter 20 Jahren sprechen heutzutage kaum noch Wiener Dialekt. Sie bauen zwar manchmal noch Dialektworte in ihre Dialoge ein, verwenden diese aber oftmals falsch. Ausdrücke wie “Oida” werden häufig inflationär verwendet, so wie in Vorarlberg das Wörtchen “oder” als Partikel. Viele Jugendliche wissen heute gar nicht mehr, dass “Oida” nichts anderes als “Alter” bedeutet. Univ. Prof. Dr. Manfred Launinger hat dazu sogar eine Untersuchung durchgeführt und diese Defizite bei Jugendlichen entdeckt. Sie wissen auch nicht wann das “a” gedumpft wird und rufen daher “Toxi” anstatt richtigerweise “Taxi”. So geht das Wienerische zunehmend verloren – aber keine Angst, es stirbt so schnell nicht aus.

Um diesem Sprachsterben entgegenzuwirken haben wir uns entschlossen, einen entsprechenden Artikel mit Lerneffekt zu verfassen – für Wiener und Nicht-Wiener.

Der “Wiener Schmäh”

Der “Wiener Schmäh” gehört zum Wiener Dialekt wie die Buchstaben selbst. Leider wird er oft falsch interpretiert und missverstanden. Der “Wiener Schmäh” ist aber auch wirklich sehr schwer zu erklären, denn er ist fast wie ein Gefühl, eine Lebenseinstellung. Der Schmäh ist etwas Schillerndes und mischt sich aus verschiedenen Zutaten: manches Mal steckt Humor in ihm, er kann aber auch zur Täuschung verwendet werden und sogar ein bisschen Lüge enthalten, ein anderes Mal ist er bloßes Geschwätz. Der weltbekannte “Wiener Schmäh” hat auf jeden Fall Charme und ist galant, kann aber auch oft sehr frech sein und sogar Bosheit in sich tragen.

Einem Nicht-Wiener ist es daher fast unmöglich zu erkennen, ob der Schmäh nun ein Witz war, eine Boshaftigkeit, eine Unwahrheit oder einfach nur dummes Gerede. Das weiß einzig und allein der Wiener selbst.

Der schwierigste Buchstabe

Der schwierigste Buchstabe im Wiener Dialekt ist mit Sicherheit das “a”. Denn je nach Betonung sagt es etwas anderes aus. Da gibt es erstmal das helle, gedehnte “a” (Wiener Monophtongierung), das dem Mittelhochdeutschen „ei“ entstammt, wie in „Sta“ (Stein). Es gibt im Wienerischen das einzigartige sogenannte gedumpfte “a”, das in manchen Mundartschriftwerken einfach nur als “o” geschrieben wird. Das “a” ist jedoch kein reines “o”, es ist nur annähernd ein “o”. Unserer Meinung nach ist das Verschriften des gedumpften “a” als “o” nicht korrekt und sollte tunlichst unterlassen werden. Ein gedumpftes “a” wird als A mit einem Ringel verschriftet: Å, å.

Ist das “a” beispielsweise unbetont, wird es nicht gedumpft (Galopp, Lackierer, Kassa). Auch in Fremdwörtern und Eigennamen wird das “a” nicht gedumpft. Steht das “a” vor einem “r” wird es auch nicht verdunkelt (“Sei net harb auf mi” –  Sei nicht böse auf mich). Es ist also gar nicht so einfach in Wien mit dem richtigen “a”. “A Glasl Wåssa” (Ein Glas Wasser) ist richtig ausgesprochen, “A Glåsl Wassa” hingegen wäre völlig falsch. Folgt dem “a” ein “l”, wird “oi” daraus (“Woid” =  Wald). Folgt dem “a” ein “r” wird es “oa” ausgesprochen (“Goatn” = Garten). Bei Fremdwörtern wird “a” vor “l” zu “äu” (“Kanäu” = Kanal). Auch ein “au” vor einem “l” wird zu “äu” (“Mäu” = Maul).

Versuchen Sie diesen Satz nachzusprechen und achten Sie auf die Aussprache des jeweiligen “a”. Ein gedumpftes “a” sprechen Sie als leichtes “o” und ziehen es dabei nur ein kleinwenig in die Länge: Ein Geiger sagt: „Zum Teufel! s A woa scho å, jetzt is des E a å“. Das heißt: Die A-Saite war schon abgerissen, jetzt ist die E-Saite (der Geige) auch ab.

Beispiele: Såck (Sackerl), Kåtz (Katzerl), Glås (Glaserl), Båch (Bacherl)

Andere Eigenheiten bei Buchstaben

“Au”, “äu”, “eu” – wird mit wenigen Ausnahmen, wie zum Beispiel “rafn” (raufen), immer zu „ei“ (“Freid” = Freude). Das betonte „e“ vor einem „l“ ergibt ein offenes „ö“ (“Mö” = Mehl). Der Zwielaut “ie” wird in Wien zu “ia” gewandelt (“Diab” = Dieb). Das kurze “i” bleibt, ausgenommen vor “l”, dann wird es nämlich zu “ü” (“Müch” = Milch). Ein kurzes “u” bleibt kurz (“Fuks” = Fuchs). Das mittelhochdeutsche “uo” wird zum “ua” (“Bluad” = Blut). Vor “l” wird das “u” jedoch zum “ui” (“Schui” = Schule). Vor “n” und “m” verändert es sich sehr und wird zu einem nasalen “a”, das entfernt wie „au“ klingt (“Ta” = Tun). 

Das “l” bleibt nur im Anlaut oder zwischen Vokalen erhalten. Am Silbenschluss nach “a”, “o” oder “u” wird es zu einem “i” (“Toi” = Tal). Ein „h“ im Inlaut und am Wortende wird zu “ch“ (“Zechn” = Zehe), wobei ein “ch” im Auslaut wiederum entfällt (“Mi” = Mich). Die Vorsilben „ver“ und „zer“ werden zu “fa” und “za” (“Fadåmmt“ = Verdammt; “zaschnitten” = zerschnitten).

Wie Sie sehen, Wienerisch oder der österreichische Dialekt grundsätzlich, ist kein einfacher. Und die hier angeführten Eigenheiten waren nur einige Auszüge aus dem Wiener Sprachgebrauch. Aber die komplette Sprachlehre des Wienerischen würde hier den Rahmen sprengen. 

Typische Wienerisch

Nach dieser lehrreichen und wohl auch anstrengenden Lektüre möchten wir Ihnen zum Ausklang dieses Artikels noch einige echte und typische Wiener Worte und deren Herkunft erläutern. 

Aus dem Lateinischen:

  • Schamerl” (kleiner Schemel); scamnum = Fußbank
  • Åmpa” (Eimer);  amphora= zweihenkeliges, enghalsiges Tongefäß, Krug
  • Gaudeé” (Vergnügen, Spaß); gaudium= innere Freude, freudige Stimmung, Vergnügen

Aus dem Mittelhochdeutschen:

  • dåni” = weg (dahin)
  • „Fut” (weibliche Scham); vut
  • Pferscher” (Pfirsich); persich

Aus dem Italienischen:

  • Gspusi” (Verhältnis); sposo/sposa = Bräutigam/Braut
  • Sackl”, sacco = Sack
  • Bassena”, bacino = Becken

Aus dem Französischen:

  • Kusch/gusch” (Befehl an den Hund, Schweigeaufforderung für den Menschen), coucher= niederlegen
  • Buserer” (Zusammenstoß), pousser = stoßen
  • flanieren”, Flâner = spazieren gehen

Aus dem Tschechischen:

  • Halawachl” = Luftikus, Schlingel; halama
  • Golatschn” = Wiener Mehlspeise; kolac
  • plazn” = weinen; plakati, plac

Aus dem Jiddischen:

  • Masl/mas” = Glück (másel = Himmelszeichen im Zodiakus)
  • Moscherln” = ärgern; moschol = Fabel
  • Gannef” = Gauner; gánew= Dieb

Aus dem Ungarischen:

  • Påtsch” = ungeschickter Mensch
  • Gatscherl” (Ente, tratschsüchtige Frau), kacsa = Ente
  • Tschako” (scherzhafter Hut aus Zeitungspapier, Uniformkappe) csákó= Husarenhut

Aus dem Rotwelschen (Gaunersprache, eine Art Geheimsprache):

  • Rettich” = Klomuschel
  • Gerschtl” = Geld
  • Auszuzln” = aussaugen

Quellennachweise: geschichtewiki.wien.gv.at; Red ka Larifari von Ingeborg Reisner (2019) [ISBN:978-3-99084-460-1); Wörterbuch der Wiener Mundart von Maria Hornung und Sigmar Grüner (1998) [ISBN: 3-209-03474-5]; Sprechen Sie Wienerisch? von Peter Wehle (2003) [ISBN: 978-3800039616];

Andrew Grimes wurde in den siebziger Jahren in der Bundeshauptstadt Wien geboren. Schon in seiner Jugendzeit lauschte er gerne alten Musikstücken, interessierte sich für geschichtliche Ereignisse und erfreute sich am historischen automobilen Rennsport. Etwa 2015 begann sich seine Leidenschaft auch auf seine Lebensweise auszuwirken. Langsam änderten sich Interessen sowie Kleidungsstil, auch besuchte Andrew Grimes immer häufiger einschlägige Veranstaltungen der sogenannten Vintage-Szene.

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