Am 14. Jänner 1847 führte der Zauberkünstler Ludwig Döbler im Josefstädter Theater erstmals „bewegliche Zauberbilder“ vor, die „ohne Einfluß der Mechanik, bloß mit Hülfe des Lichtes in’s Leben gerufen“ [sic] wurden; er hatte in England Vorführungen von optischen Bildern kennengelernt. Ebenso hatte der österreichische k. k. Artillerie-Hauptmann Franz Freiherr von Uchatius versucht, diese Kombination zu erreichen, um bewegliche Bilder mehreren Personen gleichzeitig vorführen zu können, primär um wissenschaftlich-militärische Vorträge besser illustrieren zu können.

Edison-Kinetoskop


Von Thomas Edison war das sogenannte Edison-Kinetoskop entwickelt worden, das 1895 auch nach Wien kam, wo im Prater bis 1896 eine eigene Kinetoskophalle mit fünf Apparaten eingerichtet war. Mit seiner Erfindung war es bereits möglich, Kurzfilme vorzuführen, allerdings immer nur für einen Betrachter. Während Edisons Erfindung eher nach dem Schaukastenprinzip funktionierte, war es das Ziel der Brüder Auguste und Louis Lumière, eine Möglichkeit zu finden, eine Vorführung vor mehreren Zuschauern durchzuführen. 

Die vermutlich erste öffentliche kommerzielle „Filmvorführung“ wurde von ihnen am 28. Dezember 1895 im Grand Cafe am Boulevard des Capucines in Paris präsentiert. Bereits 1896 wurde auch in Wien die Erfindung durch Lumière vorgeführt. Einige Wochen später wurden in den Häusern in der Krugerstraße 2, später in der Kärntner Straße 39 und am Kohlmarkt 5,  tägliche Vorstellungen angeboten. Das wohl erste ortsfeste Kino Wiens in der Krugerstraße zeigte eine Reihe von Kurzfilmen aus dem täglichen Leben von wenigen Minuten Länge. “Das Meer”, “Die Schmiede”, “Die Eisenbahn”, et cetera. Diese Filme wurden nonstop für einen Eintrittspreis von 50 Kreuzern gezeigt.

Anfänglich waren nur französische Aufnahmen zu sehen, der Cheftechniker Lumières, Alexander Promio, änderte dies jedoch sehr bald. Schon am 19. April 1896 präsentierte er dem Kaiser Franz Josef I die ersten Aufnahmen auf österreichischem Boden. “Der Stephansdom”, “Das Riesenrad” und “Ausfahrt der Fiaker” gefielen dem Kaiser recht gut und er beglückwünschte die Familie Lumière dazu. Das Lob des Kaisers wirkte sich äußerst positiv auf die neue Attraktion aus. Die Besucherzahlen im ersten Kino Wiens nahmen stark zu, und die Nachfrage an Kinos stieg ungemein.

Kino-Boom in Wien


1909 existierten schon 74 Kinos, 1915 waren es bereits 150 Vorführstätten in Wien. Während sich in der Provinz die Wanderkinos verbreiteten, nahmen in Wien besonders Besitzer von Prater-Etablissements oder Personen aus dem Schaustellermilieu die neue Unterhaltungsform schnell in ihre Programme auf.

In der Krugerstraße 5 eröffnete 1907 das Wiener Bioskop, das mit qualitativ hochwertigeren Filmen und einer stilvollen Einrichtung sogar Mitglieder des Kaiserhauses anzog. Aus diesem Lichtspielhaus ging später das “Krugerkino” hervor, das erst 1996 seinen Betrieb einstellte.  Auch das 1906 gegründete “Schäffer-Haushofer-Kino” auf der Mariahilfer Straße verfügte bereits über Logen und eine Galerie. Das 1909 errichtete Urania-Gebäude war hingegen ein Mehrzweckbau; neben dem Kino (heute “Urania Kino”) wurde und wird es auch als Sternwarte genutzt. 

Auch der Wiener Prater erwies sich als fruchtbarer Boden für diese neue Attraktion. Schon 1904 befanden sich fünf herausragende Unternehmen im Wiener Wurstelprater. Die Zahl stieg in den folgenden Jahren auf acht. Durch die enge Zusammenarbeit mit den Praterbehörden erhielten die “Praterkinos” Monopolstellung, und es wurde bis 1920 kein weiterer Umwidmungsantrag anderer Unternehmen genehmigt. 

Erste Krise und Tonfilmeinführung


Mitte der 20er-Jahre kam es bereits zur ersten Krise. Schuld daran war die Marktüberflutung mit Filmen, die vorwiegend aus den USA stammten. Jährlich wurden rund 1500 neue FIlme importiert, der Bedarf in Österreich lag jedoch nur bei etwa 350 Filmen pro Jahr. Daraufhin wurde im Jahr 1926  das sogenannte Kontingent-Gesetz eingeführt. 

Die Premiere des ersten Tonfilms fand 1927 in Amerika statt, in Wien wurden schon 1928 in der Urania die ersten Kurztonfilme präsentiert. Am 21. Jänner 1929 zeigte man mit dem „Jazzsänger“ den ersten langen Tonfilm im Zentral-Kino im 2. Bezirk, am 9. November folgte im Buschkino mit dem Film „Land ohne Frauen“ der erste deutschsprachige Spielfilm. Die neue Errungenschaft des Tonfilms erwies sich beim Publikum als sehr erfolgreich, und die Vorstellungen waren wochenlang ausverkauft. Die Kinos begannen auf die neue Technik umzurüsten. Diese enormen Investitionen konnten kleinere Betriebe kaum aufbringen und so kam es zu einem kleinen Kinosterben in Wien.

In den 30er-Jahren griff erstmals der Staat massiv ein und erliess eine Reihe an Verordnungen und Gesetzen. Auch die Nationalsozialisten griffen gleich zu Beginn des 2. Weltkrieges weiter in die Gesetze ein. Die 1929 eingeführte Zensur wurde nochmals verschärft. Ab Juni 1938 war es jüdischen Bürgern nicht mehr gestattet, Kinos zu besuchen. Und auch die Kinobetreiber – in Wien waren gut 50% davon jüdischer Abstammung – wurden arisiert. 

In den Kriegsjahren wurden Kinos gerne zur Ausstrahlung von Propagandafilmen der Nazis  genutzt und in den späten Kriegsjahren jedoch auch als Luftschutzbunker. Bei den Bombenangriffen auf Wien wurden leider auch sehr viele Kinos in Mitleidenschaft gezogen. Bis April 1945 konnten 16 betroffene Kinos weiterspielen, 18 mussten die Vorführungen vorübergehend einstellen, und 27 Lichtspieltheater, wie beispielsweise die Urania, erlitten Totalschaden durch Bombenvolltreffer und waren gezwungen zu schließen.

Aufschwung in den 50er-Jahren


Am 24. April 1945 konnte mit dem Apollo Kino das erste Kino Wiens wiedereröffnen, bis August 1945 begannen bereits weitere 35 Kinos wieder mit dem Spielbetrieb. Der Zentralverband der österreichischen Lichtspieltheater wurde wiedergegründet und richtete 1946 einen Hilfsfond für durch den Krieg beschädigte Betriebe ein. Bis 1947 war die Anzahl der Kinos in Wien wieder auf 191 angestiegen.

In den Fünfzigerjahren waren neben den wenigen „Filmpalästen“ und Premierenkinos noch vorrangig Kleinkinos verbreitet. Je nach Schwerpunkt der ausgestrahlten Filme waren die Kinos als Familienkinos oder Abenteuer-Westernkinos bekannt, als „Schmalzkinos“ oder im schlimmsten Fall als „Tschinnbumm„-Kino oder „Blutoper„. Zur damaligen Zeit war auch das Stammkundensystem sehr ausgeprägt. Kunden zahlten für das ganze Jahr und hatten sogar einen ihnen fix zugewiesenen Sitzplatz im Kinosaal. Das Kino und der Film erlebten in den 50er-Jahren einen regelrechten Aufschwung.

Etwa ab 1955 schlitterten die Wiener Kinos langsam in die nächste Krise. Einerseits gab es in Wien alleine über 190 Kinos, zum anderen schrumpften die Besucherzahlen durch das langsame Aufkommen des Fernsehgerätes. Die Geräte waren anfangs noch sehr teuer, aber bald schon sank der Preis, und die Anzahl der Besitzer von TV-Apparaten stieg Anfang der 60er Jahre enorm. Das Kino wurde unbeliebter und verlor durch den heimischen Fernseher immer mehr an Bedeutung. Aber auch weitere Faktoren schadeten dem Kino. Das massenhafte Aufkommen von Automobilen und das damit veränderte Freizeitverhalten der Wiener ließ die Kinos weiter in die Krise sinken.

Erst in den 80er-Jahren erholte sich das Kinogeschäft in Wien durch das Aufkommen von Mehrsaalkinos und der Einführung von sogenannten “Programmkinos”. Viele ehemalige Kinos hatten die Krise jedoch nicht überstanden und mussten schließen. Heute existieren nur mehr Programmkinos mit mehreren Sälen. Aber auch diese kämpfen mittlerweile mit wirtschaftlichen Problemen. Die Einführung des Internets und die in den letzten Jahren populär gewordenen Streamingdienste machen den heutigen Großraumkinos mehr als nur zu schaffen. 

Quellennachweise: Diplomarbeit - Kinobetriebe in Wien, 
2009, Doris Schrenk

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