Aufnahme vom "Return 2 Back"-Festival in Österreich, Graz; Photo: Hells BBQ Mafia

Der Rockabilly Lifestyle

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Der sogenannte “Vintage-Look” oder auch “Rockabilly-Look” ist seit einigen Jahren wieder sehr beliebt und erfreut über stetigem Zuwachs. Fast in jedem Kleidergeschäft findet man derzeit Kleidungsstücke, die an diesen Stil der 1950er-Jahre erinnern, und auch im Bereich der Dekoration und Einrichtung ist dieser Trend stark zu sehen. Wie fast immer in der Mode ist “Vintage” oder “Rockabilly” keine neue Erfindung – es handelt sich hierbei um einen Ausläufer der vergangenen Rockabilly-Kultur. 

Musikalische Anfänge

Grundsätzlich handelt es sich bei dem Begriff “Rockabilly” um einen Musikstil oder anders gesagt, um eine Musikrichtung. Diese Art von Musik setzt sich aus “Rock’n’Roll” und “Hillbilly” zusammen und begann ursprünglich schon in den 1920er-Jahren. Schon damals gab es eine enge Beziehung zwischen Blues- und Countrymusik. Einige Musiker begannen schon seinerzeit die Akkordfolgen zu verändern und obwohl der Song immer noch auf dem Blues basierte, klang er etwas anders als man es gewohnt war. Diese Musikart entwickelt sich danach noch weiter und ab dem Jahre 1938 entbrannte dann ein regelrechter Boggie-Wahn. Schon damals fiel das erste Mal die Bezeichnung “Rock’n’Roll”.

Nach dem zweiten Weltkrieg hoben sich die “Maddox Brothers”, mit dem von Fred Maddox entwickelten “Slapped Bass”, hervor. Sie spielten damals “Hinterwäldlermusik die ganz anders und viel heißer klang als sonst. Einige Menschen glauben, dass sie damals nicht nur an der Spitze standen, sondern eine der ersten, wenn nicht sogar die erste “Rockabilly”-Gruppe waren.

Wie der Rockabilly entstand

In den Jahren 1953 bis 1954 fand in Memphis, Tennessee, jeden Samstagabend das “Saturday Night Jamboree” statt. Das historisch Bedeutende fand jedoch nicht auf, sondern hinter der Bühne statt. Dort experimentierten die Künstler mit neuen Klängen und tauschten sich untereinander aus. Irgendwann fanden diese neuen Klänge ihren Weg auf die Bühne und trafen dort auf sehr empfängliches Publikum. Innerhalb der nächsten Jahre begannen Studios diese neuen Sounds aufzunehmen und diese ganz spezielle Musik erhielt den Namen “Rockabilly”. Demnach könnte man sagen, dass “Saturday Night Jamboree” war der erste Ort an dem Live-Rockabilly aufgeführt wurde.

Es waren weiters Künstler wie Carl Perkins und seine Brüder, Paul Burlison, Burnettes oder auch Bill Haley, die diese damals recht eigenwillige Musik auf kleinen Bühnen im Land präsentierten. Ab 1954 kamen dann  junge Künstler wie Elvis Presley und Johnny Cash hinzu, die ihre ersten Titel beim bekannten Studio “Sun Records” aufnahmen. Sam Phillips der damalige Inhaber von Sun Records, war sicher einer der größten Förderer dieser Musik und viele damaliger Musiker. Rockabilly-Musik erlebt in den Jahren 1955 bis 1958 sein Hochzeit.

Die Entstehung einer kulturellen Revolution

Zu jener Zeit war der Begriff “Rockabilly”, im Zusammenhang mit einem Lebensstil jedoch noch nicht wirklich geläufig. Sie nannten sich damals “Greaser” (engl. für „Schmier-“ oder „Fettkopf“), abgeleitet vom mit Pomade gekämmten Haar. Während die jungen Männer an ihren schnellen Fahrzeugen schraubten, vergnügten sich die jungen Frauen mit Gesprächen und modischen Belangen. Gemeinsam wurde der neu gewonnene freiere Lebensstil in Tanzcafes und Clubs bis spät in die Nacht gefeiert. In England kamen die “Teddy Boys” auf, sie hörten amerikanischen Rock’n’roll und kleideten sich im edwardianischen Stil.

Dahinter steckt ursprünglich eine Protestbewegung der Nachkriegsgenerationen. Es war ein Aufbegehren gegen die Eltern und die Gesellschaft. Obschon die Improvisation des aufkommenden schwarzen Bebop-Jazz gefeiert wurde, ging es tatsächlich nicht nur um die Musik alleine. Vielmehr wurde der vor allem chaotische, spontane, freizügige und kreative Lebensstil dieser Generation zelebriert. 

Rock’n’Roll tauchte später auch als Slangausdruck für Sex auf (“wiegen und wälzen”). Chuck Berry, Little Richard, Jerry Lee Lewis und Elvis Presley lösten mit ihren mitreißenden, oft sexuell konnotierten Darbietungen starke Emotionen aus und führten buchstäblich zu einer Spaltung der Generationen. Zum ersten Mal bekamen Jugendliche ihre eigene Musik!

Entstehung einer Subkultur

Keine zehn Jahre später waren die einstigen Helden wie James Dean, Eddie Cochran und Buddy Holly nicht mehr am Leben. Auch der Rock’n’Roll war praktisch tot. Nun waren es die Beatles, die ins Rampenlicht rückten und zeitgleich begann auch die Hippiebewegung. Erst in den frühen 1970er-Jahren kam der Rock’n’Roll langsam wieder ans Tageslicht. Bill Haley war es, der plötzlich wieder in den Charts auftauchte und bald schon waren Haartollen, Petticoats und die langen Jackets der “Teddy Boys” wieder modern. 

Richtig populär wurde die anfangs eher nebensächliche Spielart des Rock’n’Roll erst zu Beginn der 1980er-Jahre. Es erfolgte nämlich in diesen Jahren ein massenübergreifendes Revival der Rockabilly-Musik. Damals wie heute ist der Tanz untrennbar mit der Musik und dem Rockabilly-Lifestyle verbunden. Jedes Jahr finden weltweit unzählige Festivals, Weekender und Jamborees mit Live-Musik statt. Dabei können Jive-, Lindy-Hop-, Stroller- und Boogie-Woogie-Fans das Tanzbein schwingen. Die Geburtsstunde des “Neo-Rockabilly” wurde durch neue Bands wie  “Matchbox oder die “Stray Cats” ungemein belebt.

Authentizität versus Modeerscheinung

Die Mode dieser Subkultur ist bei Frauen und Männern gleichermaßen gepflegt. Sogenannte “Rockabellas” tragen dabei gerne Neckholder-Kleider, Tellerröcke oder Marlene-Hosen. Nicht fehlen darf freilich untenrum der berühmte Petticoat. Die Herren der Schöpfung haben es – dank James Dean – ein wenig leichter. Hier reicht schon ein weißes T-Shirt, aufgekrempelte blaue Jeans und eine Zigarettenschachtel lässig in den Shirt-Ärmel gerollt. Aber natürlich gibt es auch hier noch viele weitere Möglichkeiten wie Lederjacken, Creepers und Hosenträger, um sein Outfit aufzupeppen.

Die Kleidung und das Erscheinungsbild bestimmt dabei maßgeblich die Zugehörigkeit der einzelnen Untergruppen. Zum Beispiel die Teddy Boys mit ihren knielangen Jacketts (“Drapes”) und Stirnlocken oder aber auch die Hep Cats mit Mantel, Gamaschen und Hüten, um nur einige zu nennen. Ebenso wie die Mode sind die Frisuren sehr vielfältig. Vor allem “Victory Rolls” und “Pony” sind bei Damen sehr beliebt, Rockabillys erhalten ihren unverkennbaren Stil meist durch Pomadefrisuren. Von mit viel “Schmiere” zurück gekämmtes Deckhaar oder einer Stirnlocke bis hin zum “Entenarsch” (“Ducktail”) gibt es hier unzählige Spielarten. Wie man sieht sind die modischen Einflüsse vielfältig und reichen über Epochen (edwardianisch, viktorianisch) und Jahrzehnte (1920 bis 1950). 

Der Rockabilly-Lifestyle beschränkt sich jedoch nicht nur auf den Modestil und die Musik alleine. Auch das eigene Fahrzeug, meist amerikanische Oldtimer, aber auch die heimische Einrichtung wird gerne in diesem Stil gewählt. Rock’n’Roll kann in beinahe jedem Lebensbereich ausgedrückt werden, was natürlich auch die Industrie schon längst erkannt hat. Letztendlich geht es um die Frage, ob man tatsächlich den authentischen Lebensstil oder eben nur einen Modeartikel kaufen kann. Die Subkultur verteidigt ihren Lebensstil dabei erbittert und sogenannte “Pseudo-Rockabilly” werden in der “Szene” entsprechend schief angesehen. 


Vielleicht liegt es daran, dass Rockabilly unter seinen Anhängern nach wie vor als Leidenschaft gilt. Als etwas, das länger dauert als eine Modesaison. Und das ist es, was den Rockabilly letztlich vom reinen “Retro”-Trend unterscheidet. Einmal Pompadour, immer Pompadour!

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Quellennachweise: duden.de; rockabillyhall.com; retrowaste.com;

Andrew Grimes

Andrew Grimes wurde in den siebziger Jahren in der Bundeshauptstadt Wien geboren. Schon in seiner Jugendzeit lauschte er gerne alten Musikstücken, interessierte sich für geschichtliche Ereignisse und erfreute sich am historischen automobilen Rennsport. Etwa 2015 begann sich seine Leidenschaft auch auf seine Lebensweise auszuwirken. Langsam änderten sich Interessen sowie Kleidungsstil, auch besuchte Andrew Grimes immer häufiger einschlägige Veranstaltungen der sogenannten Vintage-Szene.

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