Helmut Qualtinger
Helmut Qualtinger, Photo: Commons Wikimedia

Wiener Originale: Helmut Qualtinger

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Sie kennen doch sicher alle das Lied “Der g’schupfte Ferdl” – im Original von Gerhard Bronner – dem Helmut Qualtinger mit seiner legendären wienerischen Interpretation, fast mit einem Hauch Rock`n`Roll, den Rang ablief. Oder, der berühmte “Der Herr Karl”, ein Meisterwerk Qualtingers. Helmut Qualtinger war ein österreichischer Schauspieler, Schriftsteller, Kabarettist und Rezitator, der ohne Zweifel zu den Wiener Originalen zählt.

Wie alles begann

Helmut Gustav Friedrich Qualtinger wurde am 8. Oktober 1928 in Wien geboren und wuchs im Milieu des gehobenen Mittelstandes in Wien Landstraße auf. Sein Vater Friedrich war ein Gymnasiallehrer für Mathematik, Physik und Chemie am Alsergrund. Seine Mutter Ida war Hausfrau.

Der junge Helmut Qualtinger war immer schon ein begeisterter Leser, und so gründete er bereits als Gymnasiumsschüler mit Freunden ein Jugendtheater. Die Auftritte in seiner Theatergruppe ermutigten ihn, diesen Weg weiter zu gehen. Dennoch begann er  Medizin und Publizistik zu studieren, was er wenig später wieder abbrach. Stattdessen besuchte er danach die Schauspielausbildung am Max-Reinhardt-Seminar in Wien.

Ab 1947 trat Qualtinger erstmals auch als Kabarettist im “Studio der Hochschulen” in Wien auf. “Die Grimasse” war sein erster öffentlicher Auftritt. Während des Zweiten Weltkrieges betätigte sich der vielseitige Helmut Qualtinger als Journalist und Gasthörer am Max-Reinhardt-Seminar. Von der sowjetischen Besatzungsmacht wurde er für drei Monate inhaftiert, weil er mit einem Sowjetstern auf der Brust und einem selbst gemachten Ermächtigungsschreiben eine Villa besetzte, um dort die Gründung eines linksgerichteten Theaters zu planen. Dafür hatte er bereits auch Schauspieler angeworben.

Nach dem Krieg, im Jahre 1949, ging Qualtingers erstes Theaterstück “Jugend vor den Schranken” in Graz über die Bühne. Dieses “Halbstarken-Drama” erregte bei der Uraufführung die Gemüter und es kam zu Tumulten. Schon im ersten Drittel der Aufführung musste die Polizei ihr Aufgebot verstärken. Das Publikum protestierte und es folgten wilde Szenen. Das Stück wurde am nächsten Morgen vom Spielplan gestrichen. Für Helmut Qualtinger hinterließen diese Ereignisse einen bitteren Nachgeschmack und er mied fortan die Stadt Graz.

Kobuk

1951 inszenierte Helmut Qualtinger einen Schabernack, der ihm internationale Popularität einbrachte. Er lancierte eine Zeitungsente, in der der berühmte Eskimodichter “Kobuk” Wien besuchen wolle, um hier seinen Schlittenhunderoman “Heia Musch Musch” vorzustellen. Freilich versammelten sich zahlreiche Reporter, Journalisten und Photographen am Bahnsteig in Wien, als der Zug am 3. Juli 1951 am Wiener Westbahnhof anrollte.

Aus dem Zug stieg aber, anders als erwartet, Helmut Qualtinger selbst – eingehüllt in einen dicken Pelzmantel und mit großer Pelzhaube auf dem Kopf. Ein Reporter nahm es wohl mit Humor und stellte Qualtinger, dem vermeintlichen “Kobuk”, die Frage nach dem ersten Eindruck nach seiner Ankunft. Darauf antwortet dieser: “Haaß is`!” (“Heiß ist es”)

Der Herr Karl

Mit dem Einpersonenstück “Der Herr Karl” gelang Helmut Qualtinger endgültig der Durchbruch im deutschsprachigen Raum. Das Stück handelt von einem Feinkost-Magazineur, der mit seinem imaginären Kollegen plaudert und ihm sein Leben erzählt. Er mutet anfänglich als recht lieber Kerl an, doch nach und nach kristallisiert sich heraus, dass “Herr Karl” ein Wendehals und Opportunist ist und eigentlich auch ein recht gefährlicher Mitläufer.

Während des Stückes wechselt Qualtinger mehrmals vom Wienerischen ins Hochdeutsche. Von Ekel bis hin zur Bewunderung der Nazis scheint es so, als spiele Qualtinger hier sogar mehrere Charaktere in einer Person. Gemeinsam mit Carl Merz schuf Helmut Qualtinger mit dem “Herrn Karl” eine Schreckensfigur, die ihm in Österreich viele Feinde und auch Morddrohungen einbrachten.

Schonungsloser Kritiker

Helmut Qualtinger galt eher als schonungsloser Kritiker des gemeinen Mannes denn als Kritiker der Mächtigen. Ebenso schrieb er später seine Meinungen und Kommentare in der Zeitung “Kurier” nieder. Zwischen 1955 und 1961 brachte er gemeinsam mit Carl Merz die wöchentliche Glosse “Blattl vor`m Mund” heraus.

Bei einem Auftritt in betrunkenem Zustand in einer Sendung von Radio Bremen im Jahre 1976 tätigte er unter anderem die Aussage “Die Deitschn san bleed.” und sorgte damit für einen Skandal.

Ab den 1970er-Jahren widmete sich Qualtinger vermehrt der schriftstellerischen Tätigkeit und hielt auch einige Lesungen ab. Teilweise aus eigenen aber auch aus fremden Texten laß er mit Bravour vor. Sehr erfolgreich waren die Lesungen aus Adolf Hitlers “Mein Kampf” und aus Karl Kraus “Die letzten Tage der Menschheit”. Diese und viele weitere Lesungen erschienen später sogar auf Sprechplatte (heute Hörbuch).

Schauspielerei

Nach seiner Kabarettzeit spielte er in unzähligen Theaterstücken mit und bekleidete auch einige Film- und Fernsehrollen. Zuletzt stellte er den Mönch Remigio da Varagine im 1986 gedrehten Film “Der Name der Rose” dar. Während der Dreharbeiten zu jenem Film erkrankte Helmut Qualtinger sehr schwer. Die letzten Filmszenen konnten nur noch mit Mühe gedreht werden, und Qualtinger benötigte oft recht lange Pausen, um die Schmerzen unter Kontrolle zu bekommen. Es wurde sein letzter Film. 

Helmut Qualtinger verstarb am 19. September 1986 im Alter von 57 Jahren an einer alkoholbedingten Leberzirrhose. Er liegt heute am Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrab begraben (Gruppe 33 G, Nummer 73). Sein handschriftlicher Nachlass wird in der Wienbibliothek im Wiener Rathaus aufbewahrt.

Helmut Qualtinger war zweimal verheiratet und hatte aus erster Ehe einen Sohn. Christian Heimito Qualtinger wurde 1958 geboren und ist Maler, Schriftsteller, Musiker und Kabarettist.

Quellennachweise: musiklexikon.ac.at; geschichtewiki.wien.gv.at; kabarettarchiv.at; profil.at; Kabarettprogramm “Der Herr Karl”, 1961; 

Andrew Grimes

Andrew Grimes wurde in den siebziger Jahren in der Bundeshauptstadt Wien geboren. Schon in seiner Jugendzeit lauschte er gerne alten Musikstücken, interessierte sich für geschichtliche Ereignisse und erfreute sich am historischen automobilen Rennsport. Etwa 2015 begann sich seine Leidenschaft auch auf seine Lebensweise auszuwirken. Langsam änderten sich Interessen sowie Kleidungsstil, auch besuchte Andrew Grimes immer häufiger einschlägige Veranstaltungen der sogenannten Vintage-Szene.

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