Scheiterhaufen Mehlspeise

Von Zuckerlgoscherln, Mehlspeis-Tigern und dem Scheiterhaufen

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Sie sind ob der Überschrift verwirrt, liebe Leserinnen und Leser? Machen Sie sich nichts draus. Auch mir drückt die derzeitige Situation etwas aufs Gemüt und zudem führen auch noch meine Gedanken ein ziemlich sprunghaftes Eigenleben. Sehen Sie es mir daher bitte nach, wenn dieser Beitrag nicht sehr strukturiert und ausschließlich auf ein Thema bezogen ist.

Vielleicht amüsieren Sie sich dabei ja ein bißchen, vielleicht schmunzeln Sie, vielleicht lächeln Sie sogar – trotz aller Sorgen, allen Kummers, allen Ängsten, aller Ungewissheit.

Gibt`s a Möhspeis?

Der  Kaffeehauskultur wird in Österreich ja besonderes Augenmerk geschenkt. Doch was gehört für fast alle Österreicherinnen und Österreicher zu einem Schalerl oder Häferl Kaffee unbedingt dazu?

Na na na, fast haben Sie`s erraten! Gegen ein Schluckerl guten Cognac oder ein Stamperl Likör zum Kaffee ist natürlich auch nichts einzuwenden.

Meine Gedanken waren da aber eher bei etwas Süßem –  nämlich der Mehlspeise (Möhspeis) – wie man in Österreich salopp so ziemlich jede Art von Süßspeise bezeichnet; egal ob Torte, Kuchen, Golatsche, Kipferl, Kekse oder Kaiserschmarrn.

Die Österreicherinnen und Österreicher sind durchwegs Zuckergoscherln und Möhspeistiger, auch bekannt als Naschkatzerl und Siaßa (Süßer). Und mit letzterem ist bitte sehr nicht der Senf gemeint – Sie können aber gern den ihren dazugeben – sondern der Ausdruck „er is a Siaßa“, also jemand, der Süßspeisen mag.

Süß wie die Liebe und zart wie ein Kuß

Weit über die Grenzen Österreichs hinaus berühmt und beliebt ist natürlich die Sachertorte, aber beispielsweise auch der Guglhupf, die Linzer Schnitte, die Dobos-Torte, Strudel in allen Variationen, die Esterhazy-Torte, Germknödel, Powidl-Dadschkerl, Scheiterhaufen und selbstverständlich Salzburger Nockerl.

Nicht nur letztere sind „süß wie die Liebe und zart wie ein Kuß“, wie Peter Alexander in seinem 1961 erschienenen Lied „Salzburger Nockerln“ diese so hingebungs- und liebevoll besingt.

Denn ein wahres Zuckergoscherl bekommt auch beim Verzehr flaumiger Germknödel den berühmt-berüchtigten Knieschnackler (weiche Knie), der echte Mehlspeis-Tiger stürzt sich lustvoll mit verklärtem Blick auf ein Stück Rosinen-Guglhupf. Ebenso färben sich beim Duft von Palatschinken die Wangerl eines echten Naschkatzerls rosenrot vor Aufregung und Vorfreude auf den Gaumenschmaus. Und ein g`standener Siaßa kennt überhaupt keine Hemmungen mehr, wenn ihm von goldgelb gerösteten Bröseln und einem Hauch Staubzucker umhüllte Powidl-Dadschkerl kredenzt werden.

Im Mehlspeis-Himmel

Nun, unschwer zu erraten, dass Essen – und für viele Menschen ganz besonders Süßes – mit Lust zu tun hat. Essen macht glücklich, Süßes macht selig – Sie kennen wohl alle die Redensart „im Mehlspeis-Himmel sein“ oder vielleicht eher „die lukullischen Genüsse“? Oder Futter für die Seele?  Gerade jetzt – in einer für uns alle sehr befremdlichen Zeit – sollten wir uns und anderen auf die eine oder andere Art Gutes tun.

Sie dürfen jetzt aber wieder ganz ruhig ein- und ausatmen, geschätzte Leserinnen und Leser, dies wird keine Abhandlung über die Bedeutung der Süßspeisen für ein erfülltes Liebesleben! Wir bleiben hübsch artig beim Essen, bei der Mehlspeis.

Denn wenn Sie aufmerksam gelesen haben, ist Ihnen sicherlich aufgefallen, dass sich zwischen all den wohlklingenden Mehlspeisen eine vom Namen her etwas verstörende Spezies der Süßspeisen eingeschlichen hat. Richtig, es ist

Der Scheiterhaufen

Viele Generationen haben dieses Arme-Leute-Gericht auf den Tisch gebracht, denn dazu braucht es nicht viele Zutaten, und es eignet sich ausgezeichnet zur Resteverwertung.

Haben Sie Zeit? Sind Sie ein Naschkatzerl? Dann frisch ans Werk!

Zutaten für 4 Nachspeise-Portionen

3-4 Semmeln, vorzugsweise altbacken
ca. 400 ml Milch
2 Eier
1 – 2 Eßlöffel Staubzucker
1 Packerl Vanille-Zucker
1 Prise Salz
3-4 Äpfel, je nach Größe
Fett für die Auflaufform
etwas Zimt

Milch mit Eiern, Staub- und Vanillezucker gut verrühren. Semmeln blättrig schneiden. Äpfel schälen, entkernen, in kleine Stückchen schneiden. Auflaufform mit Butter oder Margarine auspinseln. Backrohr auf 200 Grad Ober-/Unterhitze vorheizen.

Backen

Semmeln in die Eiermilch ordentlich eintunken, die Auflaufform dicht damit auslegen. Darüber die Apfelstückchen verteilen, mit etwas Zimt bestreuen. Mit einer Lage in Eiermilch getunkter Semmeln abschliessen. Die restliche Eiermilch gleichmässig über den Auflauf giessen. Ca. 40 min bei mittlerer Hitze goldbraun backen. Nach dem Auskühlen mit Zimt-Zucker-Gemisch bestreuen.

Lustvoll-süße Variationen

Wie bei vielem im Leben sind auch hier Ihrer Phantasie keine Grenzen gesetzt. Sie können und sollen sogar dieses Grundrezept zu Ihrem ganz persönlichen lukullischen Lustgewinn abwandeln.

Weichen Sie Rosinen für 10 – 15 min in Hochprozentigem ein und mischen Sie diese unter die Apfelstückchen. Oder beträufeln Sie die Apfelmasse mit dem Saft einer Zitrone.

Machen Sie sich die Mühe, Eiklar steif zu schlagen und als krönenden Abschluss auf den Auflauf zu streichen und nocheinmal kurz goldbraun zu überbacken.

Oder darf`s vielleicht mein persönlicher Favorit sein, der Kipferl-Scheiterhaufen? Sie brauchen dazu anstatt altbackener Semmeln nur altbackene (Anm: vom Vortag oder besser von übervorgestern) Kipferl. Diese in gleichmäßige Scheiben zu schneiden, ist ein etwas schwieriges Unterfangen – um ehrlich zu sein, es ist eine unlösbare Aufgabe, wenn man die Form eines Kipferls bedenkt – aber wie auch immer: das Ergebnis lohnt sich!

Kochen Sie doch einmal zu zweit, als Familie, laden Sie eine Freundin/einen Freund zur Kochorgie ein. Die Kalorien brauchen Sie nicht extra einzuladen, die kommen immer von selbst!

Der Ordnung halber sei erwähnt, dass Sie sich bitte auch bei Kochorgien unbedingt an die derzeit geltenden Kontaktvorgaben halten sollten!

Egal, welche Variation Sie sich ausdenken, ob Sie allein oder zu zweit kochen – vergessen Sie niemals das Wichtigste, ohne das kein Gericht wahrhaft gelingen kann: kochen Sie mit Liebe!

In diesem Sinne, Guten  Appetit!

Madam Maxima

Madame Maxima wurde 1958 in Gars am Kamp, Niederösterreich, geboren und lebt seit 1976 in ihrer Wahlheimat Wien. Als Tochter und Enkelin zweier Schneidermeisterinnen war Mode für sie immer präsent und von grossem Interesse. Die unverbesserliche Nostalgikerin mit Hang zur Sentimentalität bringt hier ihr Wissen über die verschiedenen Lebensstile ab den 60er-Jahren mit ein, abgerundet mit einem Schuss persönlicher Erinnerungen.

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