Böhmischer Prater
Böhmischer Prater 1930 [Bildarchiv Austria]

Der böhmische Prater

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Dereinst bildete sich im Laaer Wald auf dem Laaer Berg eine Oase der Erquickung und Beruhigung, abseits des Lebens der Großstadt. Es soll ein gewisser Herr Franz Bauer, seinerzeit Kantinenbetreiber im Laaer Wald, gewesen sein, der 1882 um eine Konzession zur “Abhaltung von erlaubten Spielen” angesucht hat. Sein Ansuchen wurde von der Bezirkshauptmannschaft Bruck an der Leitha genehmigt. Damals zählte der Laaer Wald noch nicht zum Stadtgebiet Wiens und fiel daher in die Zuständigkeit des niederösterreichischen Bruck an der Leitha. Alsbald stellte Herr Bauer in seinem Wirtshausgarten ein Ringelspiel und einige Schaukeln auf. Die Urversion des “Böhmischen Praters” war geboren.

800 Schritte geradeaus

Schon bald gesellten sich andere Wirtsleute hinzu und errichteten ihre Schankbetriebe am Laaer Berg. Dies geschah jedoch ohne jegliche Konzessionen und auch die Gemeinde Oberlaa hatte nichts dagegen, solange die Wirtsleute der Gemeinde eine kleine Spende zukommen ließen. Diese “österreichische Lösung” sprach sich bald herum, und es wanderten Geschäftsleute aus Mähren und Böhmen zu, um ebenfalls ihre Kantinen und Attraktionen zu eröffnen. Der “Böhmische Prater” wuchs und wies damals etwa eine Länge von 800 Schritten und eine Breite von 80 Schritten auf.  

Jacob Löwy war zu der Zeit Teilhaber der Wienerberger Ziegelwerke und Inhaber des Oberlaaer Ziegelwerkes, das sich auf dem östlichen Abhang des Laaer Berges befand. Löwy, selbst gebürtiger Slowake, beschäftigte großteils tschechische und slowakische Ziegelarbeiter. Wie diese Arbeiter, unter ihnen auch Frauen und sogar Hunde, in den Ziegelwerken unterjocht wurden, sprach sich vielerorts herum. 

Die Freuden der armen Leut

Die tschechischen und slowakischen Arbeiter verbrachten ihre kärgliche Freizeit gerne im angrenzenden “Böhmischen Prater”. Nicht ohne Sorgen betrachteten die Wiener dieses bunte Treiben. Der kleine “czechische Prater” war ausser bei den Favoritnern und Simmeringern in Wien eher unbekannt, mauserte sich jedoch unaufhörlich weiter. Die Vergnügungsetablissement-Besitzer Bartonic, Bezdek, Brocek, Budar, Dworacek, Klimes, Pokorny, Sklenarik, Swoboda und Wanya markierten zusammen mit Schnapsverkäuferinnen, welche ihre tschechischen Waren anboten, schmutzstarrenden alten Weibern, die um Almosen bettelten und Krüppeln, welche ihre Gebrechen zur Schau stellten, den Weg dieser kuriosen Kolonie, untermalt vom Klang verstimmter Leierkästen. 

Laaer Wald: Spaziergänger machen Rast. [Bildarchiv Austria]

Ohne Konzessionen oder Lizenzen bauten Schausteller ihre Hutschen auf, Schießbuden wurden eröffnet, Handschlagmessgeräte und Kraftmesser säumten die Wege. Die Wirtsleute organisierten Tanzveranstaltungen und musikalische Darbietungen. Bald strömten nicht nur Tschechen sondern auch die proletarische Unterschicht aus Favoriten und Simmering in ihrer Freizeit in den “Böhmischen Prater”. 

Herr Löwy betrieb dieses Ziegelwerk bis ins Jahr 1939; 1942 kam er im Konzentrationslager ums Leben. Nach dem Krieg erwarb die Gemeinde Oberlaa das Areal des Herrn Löwy,  das südlich an den “Böhmischen Prater” grenzt. 1950 wurde die einstige Ziegelgrube mit Müll zugeschüttet und ist heute als Erholungsgebiet “Löwygrube” bekannt.

Das älteste Karussell Europas

Historisch hat der “Böhmische Prater” auch heute noch viel zu bieten. Dort befindet sich das älteste Karussell Mitteleuropas mit handgeschnitzten Pferden, die die wienerischen Namen “Karli”, “Herbert” und “Elfi” tragen und sich in einem neuneckigen Holzkarussell bis heute drehen. Die Ornamente an Sattel und Zaumzeug weisen auf die Phase des Romantischen Historiums um 1860 hin. Das märchenhafte Holzsalettl wurde 1985 unter Denkmalschutz gestellt.

Zu seiner Entstehungszeit, vermutlich um 1897, mussten kräftige Burschen das Karussell anschieben, heute wird es von einem Elektromotor angetrieben. In den Jahren 2016/2017 ließ der heutige Inhaber Ernst Hrbalek die gesamte Mechanik originalgetreu erneuern sowie die Pferde restaurieren und auf Hochglanz polieren. Ebenso wurde die Orgel reinstalliert. 187 Pfeifen und eine kleine Trommel leiern  angetrieben durch einen Riesenblasbalg Melodien von Strauß.

Die Legende des Böhmischen Praters

Was wäre der “Böhmische Prater” ohne den Baronkarl? Der Mann, der sich Karl Baron nannte, wurde am 24. Jänner 1882 geboren, dies kann man an seinem Grabstein ablesen. Bekannt wurde der Mann durch das “Bierdippeln”. Er zog im “Böhmischen Prater” von Wirtshaus zu Wirtshaus und spielte Geige. Einladen ließ er sich nie. Er bevorzugte es, das Restbier aus den Fässern zu trinken, das sogenannte “Bierdippeln”. Es gibt viele Geschichten und Gerüchte über den Baronkarl – jedenfalls war er bezirksbekannt, als ihn im Jahre 1948 ein Auto überfuhr. Die Geschäftsleute sammelten damals Geld für ihre Favoritner Legende. Stolze 8000 Schillinge kamen zusammen und so konnte man den armen Baronkarl würdevoll zu Grabe tragen. Bis 1995 ruhte er auf dem Zentralfriedhof in Simmering und wurde danach auf den evangelischen Friedhof in Matzleinsdorf überstellt (Gruppe 15, Grabnummer 238). Bis heute kennt man seinen tatsächlichen Namen nicht, auch nach seinem Tod wurden keine Papiere oder Dokumente von ihm gefunden.

Quellennachweise: Das kleine Vergnügen an der Peripherie von Wolfgang Slapansky [ISBN: 978-3854522355]; Wiener Vergnügungen von Thomas Hofmann und Beppo Beyerl [ISBN: 978-3-222-13646-7];

Andrew Grimes wurde in den siebziger Jahren in der Bundeshauptstadt Wien geboren. Schon in seiner Jugendzeit lauschte er gerne alten Musikstücken, interessierte sich für geschichtliche Ereignisse und erfreute sich am historischen automobilen Rennsport. Etwa 2015 begann sich seine Leidenschaft auch auf seine Lebensweise auszuwirken. Langsam änderten sich Interessen sowie Kleidungsstil, auch besuchte Andrew Grimes immer häufiger einschlägige Veranstaltungen der sogenannten Vintage-Szene.

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