Anzug Mann

Der Test: Vintage-Anzug von der Stange

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11 Min. Lesezeit

William Shakespeare sagte einmal: “Stolz soll der Beutel sein, der Anzug arm”. Nach diesem Motto haben wir uns auf den Weg gemacht und verschiedenste Herrenanzüge im Vintage-Stil begutachtet und getestet. Freilich ist ein Anzug attraktiver, wenn er aus feinstem Tuche geschneidert ist, obendrein gar noch nach Maß, aber dies ist nicht immer passend und auch ist nicht jedes Portemonnaie so gut gefüllt. 

Very british

Eine äußerst bekannte Marke in diesem Sektor ist Marc Darcy aus Manchester in England. Seit über 30 Jahren fertigt das Haus Darcy Herrenmode im Vintage-Stil an. In den Jahren 2017, 2018 und 2019 gewann das Unternehmen sogar den Preis “Drapers Menswear Brand of the Year”. Die Anzüge sind als Zweiteiler oder Dreiteiler erhältlich und meist im klassischen Tweed-Look sehr tailliert und eng geschnitten (Slim-Fit). Als Material kommt grösstenteils Polyester und Viskose zum Einsatz.

Weste und Sakko von Marc Darcy

Sakko und Weste passen meist recht gut, auch die Qualität ist zufriedenstellend. Auffallend bei unseren Testanzügen war, dass das Jacket um eine Nummer kleiner genommen werden musste als die Weste. Was allerdings die Hosen anbelangt hat Marc Darcy hier einen sehr eigenwilligen Schnitt. Als durchschnittlicher Mann mit etwas kräftigerer  Statur bekommt man seine Beine nicht wirklich unter. Während der Bund perfekt passt, werden die Beine vom Stoff eng umschmiegt, um dies noch halbwegs freundlich auszudrücken. Kurzum, die Kniee kann man nicht mehr beugen! Hier ist eine Anprobe unumgänglich, wenn man böse Überraschungen vermeiden möchte. 

Allerdings konnten wir durch eine optische Kontrolle der neuen Kollektionen feststellen, das sich der Schnitt der Hosenbeine wohl geändert hat. Offensichtlich werden diese nun weiter geschnitten, und so stehen die Chance recht gut, dass das Beinkleid besser passen könnte. Marc Darcy-Anzüge kann man in Österreich zum Beispiel bei Luna Miller in Leobersdorf erwerben.

Klingt italienisch, ist es aber nicht

Va bene, kommen wir zum nächsten Anbieter klassischer Herrenmode: “House of Cavani” – der Name lässt auf ein italienisches Modelabel schliessen. Cavani ist jedoch ebenfalls britisch und stammt aus Birmingham. Auch hier werden Anzüge im klassischen Stil geboten, wie auch bei Marc Darcy für jeden Anlaß, sei es Hochzeit, Abendunterhaltung oder Freizeit. Cavani hat im Übrigen auch eine eigene “Peaky Blinders”-Serie, die wirklich recht ansehnlich ist. Sogar auf der heurigen Pitti Uomo 97 wurden einige Cavani-Anzüge gesichtet. 

Die Stoffe kommen meist mit einem hohen Polyesteranteil daher, einige Anzüge enthalten aber auch bis zu 50% Wolle. Der Schnitt variiert von klassisch weit, tailliert bis hin zu Slim Fit. Der Hosenbund ist niedrig und daher problemlos mit Gürtel zu tragen. Die Umrechnung der britische Maße ist sehr exakt, so kann man seine bekannte EU-Kleidergröße ohne Bedenken bestellen.

Hose, Weste und Jackett passen sehr gut und sitzen recht angenehm, ohne zu zwicken oder zu flattern. Die Nähte lassen an einigen Stellen allerdings zu wünschen übrig, was dem optischen Erscheinungsbild des Anzuges aber nicht sonderlich schadet. 

Anzüge von Cavani konnten wir leider in regionalen Geschäften nicht finden, daher ist eine Online-Bestellung ohne Anprobe hier wohl unumgänglich. Erhältlich sind diese Kleidungsstücke beispielsweise bei Amazon.

Männerkollektion seit Herbst 2019

Collectif” macht sich seit vielen Jahren mit wunderbaren Kleidern in der Damenwelt einen guten Namen. Nun erschien im Herbst 2019 die lang ersehnte Männerkollektion der Londoner Modemarke. Leider ist die Auswahl an Herrenanzügen sehr mager, so gab es anfänglich zwei dreiteilige Anzüge, die mittlerweile nicht mehr in der Kollektion ersichtlich sind. Aktuell gibt es noch zwei Westen und dazupassende Blazer. 

Hose und Weste von Collectif, Sakko von Marc Darcy. Links: Vintagemodel Ella Fox

Der Schnitt ist klassisch weit (Regular-Fit), die Hosen sind am Bund sehr hoch geschnitten und es sind bereits Knöpfe für klassische Hosenträger eingenäht. Passend dazu ist die Weste entsprechend kurz gehalten, sie lässt sich daher schwer mit Niederbundhosen kombinieren. Dabei entsteht nämlich ein Zwischenraum zwischen Bund und Weste, welcher eine unschöne Hemdfalte hervorquellen lässt.

Das verwendete Material besteht wie bei fast allen Anzügen dieses Segments größtenteils aus Kunststoff. Anders als bei den übrigen Marken ist das Tweed-Imitat recht dünn gehalten, so lässt sich der Anzug auch bei etwas wärmeren Temperaturen noch einigermaßen bequem tragen. Was die Verarbeitung anbelangt besteht Nachholbedarf. Die Nähte sind nicht immer sauber gearbeitet, und bei unserem Testmodell war eine Westentasche leider nicht komplett vernäht. Dies kann allerdings recht schnell selbst behoben werden, ist aber dennoch ärgerlich.

Collectif setzte bei dieser Kollektion allerdings den Schwerpunkt auf lässige, legere Kleidung. So gibt es tolle Jacken und Strickoberteile im Stile der 50er-Jahre. Auszüge dieser Herrenkollektion findet man beispielsweise bei Luna Miller und bei King Pin in Wien.

Unbekannter Exot

Eine hierzulande fast unbekannte Marke ist das schottische Label “Loch Hart”. Loch Hart wird offensichtlich exklusiv von “Dobell” vertrieben, und es ist zu vermuten, dass es sich hierbei um deren Eigenmarke handelt. Bei unserer Recherche konnten wir leider noch nicht viel mehr über diese Marke herausfinden. 

Grauer Anzug mit Kreidestreifen von Loch Hart

Die dreiteiligen Anzüge von “Loch Hart” sind regulär geschnitten und die Größenumrechnung passt ebenfalls exakt. Auch dieses Label schneidert ihre Hose mit einem etwas höheren Bund. Die Tuche besteht meist zu 50% aus Wolle und 50% aus Polyester, hier gilt es aber die Produktbeschreibung zu beachten. Nicht alle Anzüge haben einen Wollanteil. Die Nähte sind sauber vernäht, nur die Knöpfe sind oft ein wenig locker und schlampig fixiert. Hier sollte man kontrollieren und gegebenenfalls von Hand nachnähen. 

Accessoires wie Schiebermützen, Krawatten und Fliegen, aber auch Mäntel gibt es für viele Anzugmodelle im selben Stoff. Ein absoluter Pluspunkt, denn so kann man sich von Kopf bis Fuß in eine Tuche hüllen. So etwas findet man nur sehr selten, denn oft ist es schon schwierig, einfach nur die passende Mütze dazu zu finden. Dobell selbst vertreibt noch  andere Marken wie eine weitere Eigenmarke, Harris Tweed und Torre. Diese hochwertigen Anzüge passen jedoch nicht in das anfänglich erwähnte Motto des geschätzten Mr. Shakespeare. Wir werden dieses Segment in einem unserer anderen Artikel näher betrachten.

Resümee

Alle hier vorgestellten und getesteten Marken haben ihre Vor- und Nachteile in Sachen Verarbeitung und Qualität. Generell ist jedoch keiner dieser Anzüge als schlecht zu bewerten. Angesichts des günstigen Preises muss man hier einfach Abstriche machen. Für einen authentischen Vintage-Look finden wir die Schnittmuster der Marken “Collectif” und “Loch Hart” am passendsten. Hochbundhosen, kurze Westen und der etwas weitere Schnitt geben den Anzügen den gewissen Touch. Die Auswahl an verschiedenen Modellen, Mustern und Stoffen ist jedoch bei “Marc Darcy” und “Cavani” um ein vielfaches größer.

Falls Sie noch keine Erfahrung mit Anzügen haben und Sie mit dem Gedanken spielen,  sich Ihren ersten Anzug zuzulegen, empfehlen wir eine Anprobe oder zumindest das exakte Vermessen der Körpermaße, um die passenden Größe zu eruieren. Alle vorgestellten Hersteller haben auf ihrer offiziellen Webseite eine Größentabelle, die recht genaue Angaben enthalten. Auch wir haben uns bei der Online-Bestellungen daran orientiert und mussten keinen Anzug zurücksenden. Lassen Sie sich dabei nicht von der Größenangabe irritieren, halten Sie sich nur an die Maße. Ausgenommen von dieser Methode ist “Marc Darcy”. Hier war für uns eine Anprobe unumgänglich, denn die Schnitte dieser Marke sind sehr unterschiedlich und recht speziell.

Zusammengefasst eignen sich all unsere Testanzüge für den Einstieg in die Vintage-Herrenmode. Hat man später dann schon einige Stücke beisammen, lassen sich diese auch sehr kreativ und interessant kombinieren. Es entstehen damit unzählige Möglichkeiten, sich adrett zu kleiden und immer einen gewissen Vintage-Stil zu bewahren.

Scheuen Sie sich also nicht,  etwas experimentierfreudig zu sein. 

Info: Vintage Model Ella Fox auf Facebook und Instagram 

Andrew Grimes wurde in den siebziger Jahren in der Bundeshauptstadt Wien geboren. Schon in seiner Jugendzeit lauschte er gerne alten Musikstücken, interessierte sich für geschichtliche Ereignisse und erfreute sich am historischen automobilen Rennsport. Etwa 2015 begann sich seine Leidenschaft auch auf seine Lebensweise auszuwirken. Langsam änderten sich Interessen sowie Kleidungsstil, auch besuchte Andrew Grimes immer häufiger einschlägige Veranstaltungen der sogenannten Vintage-Szene.

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